Das Solo der vergewaltigten Geige

Monolog
unveröffentlicht
Deutsche Fassung von Ivan Strelkin und Sara Schmiedl
Kroatische Fassung von Kasija Vrbanac Strelkin

Aufführungsgeschichte:

  • 2024 – Spektakel (Wien, Flirty Horse)
  • 2024 – Performing Picnic Park Festival (Karlovac, Kroatien, Flirty Horse)
  • 2024 – RESTOR(Y)ING BODY Festival am Eindorf Kunstraum (Wien, Flirty Horse)

In diesem Solostück wird Migration und die damit einhergehenden Identitätsveränderungen thematisiert. Die Geschichten von sechs Personen werden vor dem Publikum dargestellt: Josef aus Deutschland, Sibylla aus Italien, Zdenka aus Kroatien, Maximilian aus Tirol, Dmitri und Dascha aus einem namenlosen Territorium außerhalb der Schengen-Zone treffen sich in Wien. Alle sechs sind Künstler*innen, Menschen des Friedens in einer vom Krieg zerrütteten Welt. Sie kamen aus unterschiedlichen Gründen in die österreichische Hauptstadt, aber jede*r von ihnen sucht nach einer neuen Identität und definiert neu, was Zuhause, Leben, Liebe, Tod und soziales Gut ist.

Ausschnitt:

Sibylla Rizzi liebte Frauen. „Eine Frau zu küssen“, erklärte sie, „ist wie in eine Erdbeere zu beißen; wie an den betäubenden Pollen einer Akazienblüte zu schnuppern; wie ein rührendes Gedicht vorzulesen”. Männer mochte sie nicht besonders, außer Josef, den sie unendlich liebte. „Josef zu küssen“, gestand sie, „ist wie auf Sandpapier zu reiben”. Er war immer halb unrasiert, und seine unvorsichtigen Borsten kratzten die Haut an ihren Wangen, an ihrem Hals, an ihren Brüsten, an den Innenseiten ihrer Schenkel, wo immer sie ihren Süßen, ihren Liebling einlud: „Komm herein, Pepi, sei wie zu Hause.“

Aber Pepi war nirgends wie zu Hause. Seine Mutter starb ein Jahr nach seiner Geburt an Krebs und wurde in ihrer Heimatstadt Düntz, einem winzigen Ort in Oberösterreich, in der Erde vergraben. Josef blieb in München bei seinem Vater, der sofort wieder heiratete. Josefs Stiefmutter, eine gemütliche altmodische Frau, nannte ihren Stiefsohn „armes Waisenkind“. Als Josef achtzehn Jahre alt wurde, verließ er das elterliche Nest mit den folgenden Worten: „Zuhause ist da, wo Mama ist, also habe ich kein Zuhause“.

Und Sibylla hatte keinen Zweifel daran, dass Zuhause dort war, wo man morgens um neun Uhr Profi-Tanzklassen fand. „München, Berlin, Brüssel, Amsterdam: Wo immer ich meine Zehen in die erste Position schwinge, wo immer ich das glatte Holz der Balettstange mit der Handfläche berühre – dort ist mein Zuhause“, lächelte sie stolz.